Die Hundsfrasser von Neustadt

 


 

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie die Überschrift „Hundsfrasser“ lesen. Ersetzen Sie einfach das „a“ durch ein“e“. In Oberfranggn vertauscht man gern die Vokale.

 

War als Kind sehr verwundert über Großvater, als wir ihn mal besuchten. Von Middlfranggn kommend. Er sprach von einer Uhr, meinte aber mein Ohr. Ich habe nämlich ein „Elfleins-Uhr“. Damit hört man besser, auch das, was man nicht hören soll. Mein Vater hatte es nicht. Was ich äußerst witzig fand. Das ist aber jetzt nicht das Thema.

 

Warum ich jetzt – und erst jetzt - über Hundefleisch-Vertilger schreibe, hat seinen besonderen Grund. Anlass war ein Gespräch mit einer Verwandten, als ich im September 2014 wieder einmal das Land meiner Väter mit meiner Anwesenheit kontaminierte. Ich erfuhr etwas, was ich vorher nicht wusste.

 

Warum ich lange Zeit über das Thema lieber geschwiegen habe, hat schon seinen Grund. Ich war mir nämlich nicht so recht sicher, ob es mir persönlich zum Nachteil gereicht, wenn ich mich überhaupt öffentlich damit beschäftige. Allerdings, genau genommen, habe ich mich im alten Jahrtausend schon einmal öffentlich wirksam darüber ausgelassen, weil mich damals der Teufel ritt, was gelegentlich - mit meiner Zustimmung - schon mal vorkommt. Bei mindestens einer wichtigen Person, die heute nicht mehr so wichtig ist, habe ich seinerzeit gehörigen Unmut ausgelöst. Andere haben aus Schadenfreude gelacht. Denke, da kann ich ja nach so langer Zeit das Spiel noch einmal spielen. Wohl gemerkt, aus gegebenem Anlass. Ist ja interfamiliär auch ein neuer Anlass hinzu gekommen.

 

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht nur ein Schmecklecker bin – das ist die rheinische Bezeichnung – sondern dass die fränggische Bratwurst zu meinen bevorzugten Speisen gehört. Es hat ja regelrechte Entzugserscheinungen in mir hervor gerufen, als ich im Alter von 14 Jahren aus unserer mittelfränggischen Idylle nach Düsseldorf umgezogen bin. Hätte ich vorher gewusst, dass die rheinische Bratwurst schmeckt, als käme sie von der Freibank, wo man sehr viel Senf braucht, um den Ekelgeschmack zu überlagern, wäre ich nicht ums Verrecken nach Düsseldorf gegangen. Unsere Klöße konnten wir uns selber machen, die Bratwürste nicht und jeder Metzger, dem wir das Rezept gaben, hat versagt. Inzwischen weiß ich, dass es am Darm lag. Nicht der von dem Metzger, sondern der, in den man das Brät hineinschiebt.

 

Nicht in den Metzger, jetzt reichts aber.

 

Nun muss ich aber versuchen, etwas ernster zu werden. Vergessen Sie den Blödsinn mit den evangelischen und katholischen Bratwürsten, den Sie auf meiner Homepage gelesen haben. Nicht, dass dies nicht berechtigt sei, aber heutzutage dient mir die Erwähnung dessen lediglich zur Verunsicherung des gastronomischen Personals. Hat mir – zuletzt auf dem Marktplatz von Iphofen – großen Spaß gemacht, die verblüfften Gesichter der Bedienung zu sehen.

 

Eine gewisse Ernsthaftigkeit meinerseits ist schon angemessen, hat das Thema doch mit der Vergangenheit zu tun, wo auch meine Familie grausam betroffen war. Es vererbt sich. Ich weiß es ja schon seit Jahrzehnten und lege mein Leben krampfhaft darauf aus, ja nicht von meinen Genen zu etwas getrieben zu werden, was ich unter Anlegung kulturvoller Lebensweise für abartig halten sollte. Bin ja kein Chinese. Ob mir dies gelungen ist, weiß ich nicht so recht, denn jedesmal wenn der Sündenfall eintritt, löst er einen neuen Schub aus. Auch wenn es unabsichtlich und unbemerkt geschieht. Und das war definitiv im Geburtsort meines Vaters der Fall. Der lange Atem der Geschichte hatte mich eingeholt. Seitdem bin ich nur noch einmal, zur Beerdigung meines Onkels, dort hin gefahren, danach nie wieder. Ich bin aber nicht der Letzte in der Hierarchie. Mein jüngerer Bruder ist erbfolgemäßig auch betroffen. Er wusste es lange Zeit nicht. Jetzt weiß er es und wir werden sehen, wie er damit umgeht. Er hat ja Hunde und Katzen zum Fressen gern. Im Gegensatz zu mir. Ich bin etwas stolz darauf, dass mich meine Erbmasse nicht so negativ beherrscht. Eines Tages, als er selbst noch ein kleiner Junge war, stand er doch mit einem Köter, den ihm die Nachbarn zum Gassigehen anvertraut hatten, vor unserer Haustür. Dieser hat mich sofort verbellt. Er muss was gerochen haben.

 

Der Geburtsort meines Vaters ist Neustadt bei Coburg. Er lag bis zur Wende kurz vor der Zonengrenze nach Thüringen. Die Neustädter sind rundum bekannt als „die Hundsfrasser“. Der Vorwurf kommt vor allem aus Coburg. Die man „Residenzler“ nennt. Die Neustädter behaupten, Hunde ja nur für die Residenzler gefangen zu haben. Damit diese sie verspeisen.

 

Das ist eine glatte Lüge. Die Neustädter frassen ihre Hunde selber. Ich kann das nun aufgrund der Erinnerungen meiner Verwandten beweisen. Sie hat mir bestätigt, dass ihr eigener Vater – mein Onkel – selbst Hunde gefangen hat, damit die neunköpfige Familie etwas zu beißen hatte. Man bemerke die Synonyme. Immerhin beißen Hunde nur und fressen keine Menschen. Sie glaubt, mein Vater, der jüngere Bruder meines Onkels Helmut, hätte von dem Hundebraten etwas mitbekommen. Ich kann unseren Vater nicht mehr befragen, erinnere mich aber, dass er mehrfach von Hundefleisch gesprochen hat. Weil er Kriegsgefangener in Russland war. Das Hundefleisch sei langfasrig und wohlschmeckend. Meinten die Kriegsgefangenen.

 

Damit es aber klar ist: Wir haben nicht darüber zu urteilen, wie die Menschen in den 30er Jahren ihr – wahrscheinlich nicht so einfaches Leben – gefristet haben. Wenn damals eine ganze Region auf diese Weise ihre Situation verbessert hat, haben wir das zu akzeptieren.

 

Witze darüber machen darf ich aber trotzdem.

 

Der Vorfall, auf den ich jetzt zurück komme, ist aber kein Witz. Ich bin seinerzeit mit großer Wahrscheinlichkeit in die Tradition der Hundsfrasser eingebunden worden. Es ist schon lange her. Und hängt mit fränggischen Bratwürsten zusammen. Die Neustädter haben ja immer behauptet, sie machten die besten. Ich kam gerade aus Coburg, wo mich immer, wenn ich in der Nähe bin, der Weg zum Marktplatz führt. Dort ist ständig ein Bratwurststand. Klicken Sie mal:

 

http://www.coburg-coburg.de/index.php?id=webcam-coburg

 

 

Es wird (wieder) auf Kiefernzapfen gegrillt. Bessere Würste gab es für mich wegen des besonderen Geschmacks der Kiefernzapfen überhaupt nicht.

 

Als mich mich mein Weg weiter nach Neustadt führte, wo damals noch der jüngste Bruder meines Vaters lebte, kam mir doch wieder so ein Geruch in die Nase, der mich unweigerlich anzieht und brutal stoppt. Ein Bratwurstgrill.

 

Bereits beim ersten Biss konstatierte mein Geschmackssinn ein kleines Wunder. Diese Wurst war noch um Längen besser, als die aus Coburg. Hätte ja nicht geglaubt, dass da noch eine Steigerung möglich sei. Onkel Kurt grinste, als ich ihm das erzählte. „Hat schon einen Grund, musst Du aber selber drauf kommen“ sagte er.

 

Ich kam darauf.

 

Normalerweise ist ganz Deutschland voller Köter. An diesem Tag in Neustadt habe ich keinen einzigen gesehen. Noch nicht mal in der Nähe der Wurstbude, wo ja Vierbeiner normalerweise herumlungern, damit sie etwas mitbekommen.

 

Zurück in Bonn habe ich mich dann erst einmal an den PC gesetzt, an den Bürgermeister von Neustadt geschrieben, ihm meinen Verdacht mitgeteilt und ihn um Auskunft gebeten. Er hat nicht geantwortet.

 

So was lasse ich normalerweise nicht durchgehen. Schrieb flugs eine Geschichte über die Hundsfrasser – so wie die hier - und bot diese dem Coburger Tageblatt zur Veröffentlichung an. Die Residenzler antworteten freundlich. Sie hätten sich zwar köstlich amüsiert (glaube ich ihnen), aber die Story würde in keine Rubrik passen. Das glaube ich ihnen nicht. Denke eher, sie wollten ihre Abonnenten aus Neustadt nicht vergraulen.

 

Das ist ja alles schon lange her. Ich beließ es erst einmal dabei.

 

Fortan habe ich mein Leben bewusst darauf ausgerichtet, mich von gewissen Erbanlagen nicht allzusehr tangieren zu lassen. Ein Hund kommt mir normalerweise nicht über die Schwelle meines Hauses. Ich begründe das damit, keine Tierhaare in der Wohnung haben zu wollen. Und dass mich im Alter von zehn Jahren der Hund vom Wirtshaus gegenüber gebissen hat. So einer, der aussieht, als sei er von einem Hochhaus direkt auf die Schnauze gefallen.

 

Man muss ja die Außenwirkung bedenken. Stellen Sie sich vor, wie das wäre, wenn sich sämtliche Freunde von mir distanzieren würden, weil ich die Anlage zum Konsumieren von Chihuahuas in mir trage. Mit Zwiebeln angebraten. Die Schwägerin unserer Freunde Doris und Heribert, mit der ich kurzen Email-Kontakt hatte, hat diesen eingestellt, als sie erfuhr, welche Herkunft ich habe. Sie ist eine geborene Residenzlerin.

 

Neulich kam mein jüngerer Bruder, der damit nichts am Hute hat, fröhlich die Haustür herein und hielt ein kleines Hundchen mit einer Hand hoch. Wie gesagt, er liebt Hunde. Vielleicht auch die dazugehörigen Besitzerinnen. Es geht mich aber nichts an. Ich dachte, wenn er jetzt damit in die Küche abbiegt, ist alles zu spät. Er ging aber durch das Wohnzimmer direkt auf die Terrasse. Da hatte der Appetithappen Auslauf. Die junge Frau in Begleitung meines Bruders bildete einen weiteren Schutz des Vierbeiners mit dem langfaserigen Fleisch.

 

Mich hat das nicht aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Konstatiere, nur auf den Duft gegrillter Bratwurst mit Majoran anzusprechen. Der Hund hat nicht so gerochen.

 

Insofern habe ich es nun geschafft, meine Beklemmungen mit Hunden zu überwinden. Ich kann nun frei darüber reden und schreiben. Wie Sie bemerkt haben. Habe kein Problem mehr damit, alles zuzugeben, wenn mich jemand fragt. Meine Freunde tun das sowieso nicht, die anderen sollen sich um ihren Fiffi kümmern. Von mir droht keine Gefahr. Bei meinem jüngeren Bruder bin ich mir nicht so sicher. Es ist auffällig, dass er Frauen mit Hunden mag. Vielleicht auch mit Katzen. Die Auswahl ist ja groß. Ich lasse keine Zweibeiner, die Vierbeiner mögen, auf Tuchfühlung kommen.

 

Der seinerzeitige Bürgermeister von Neustadt ist lange nicht mehr im Amt. Eine Frau hat ihn abgelöst, es aber nur eine Legislaturperiode lang ausgehalten. Kein Wunder, wenn man ständig aus der Neustädter Umgebung ringsherum in ganz Oberfranggn und Thüringen auf die kulinarische Vorliebe der Neustädter angesprochen wird. Das halten Frauen nicht lange aus. Männer stecken so etwas eher weg.

 

Eigentlich wäre es ziemlich unverschämt, wenn ich jetzt noch einmal einen Bürgermeister mit einer öffentlich kolportierten Anfrage bloß stellen würde. Andererseits möchte ich schon wissen, ob man heutzutage in Neustadt eine Bratwurst essen kann, bei der man sicher ist, dass sie aus reiner Schweineschulter gemacht ist.

 

Könnte ja über einen Umweg darauf schließen. Zum Beispiel, wenn ich nach dem Aufkommen der Hundesteuer fragen würde. Das scheint unverfänglich.

 

Weil ich an kleinen Unverschämtheiten Spaß habe, wie Sie vermutlich schon bemerkt haben, werde ich es vielleicht tun. Auch so eine vererbte Eigenschaft der Dynastie. Obwohl, mein Vater war nicht so. Ist vielleicht lediglich eine allgemeine fränggische Eigenschaft. Bei einem mehr, beim anderen weniger ausgeprägt.

 

Sie hören von mir. Könnten den Bürgermeister von Neustadt aber auch selber befragen.

 

Man kann das aber auch ganz anders sehen. Warum sollen wir nicht dürfen, was z.B. in China an der Tagesordnung ist? Gehen ja alle Nase lang beim Chinesen essen. Wie wäre es also mit Carpaccio vom Hundeschinken, gegrillte Hundeleber, Hundezunge in Aspik oder Hundenierchen in süßsaurer Sauce?

 

Wir legen jetzt ein Hähnchen in den Grill. Ehemals frei herumlaufend. Jetzt gefüllt mit frischen Kräutern vom Garten. Ein Gefäß mit Knoblauch-Riesling daneben. Von Form und Größe her könnte das Tier auch ein Chihuahua sein. Oder ein Dachhase.

 

Heinz Elflein

01.11.2014

 

Wie ich schon sagte, hören Sie von mir. Meine ansonsten treuen Lesern haben sich noch nicht geäußert. Ist halt ein etepetetes Thema.

 

Kürzlich habe ich erfahren, wo angeblich heute noch Hunde verspeist werden:

 

http://steinach-thueringen.de/

 

Wer mir das nun wieder gesagt hat, fällt unter meinen persönlichen Informantenschutz.

 

Nachtrag vom 26.12.2017:

 

Also, ich habe in Sachen Hundsfrasser nichts mehr unternommen. Vermutlich ein Zeichen, langsam erwachsen zu werden. Meine Mutter fragte mich kurz vor ihrem Tode, wann es denn damit endlich so weit sei. Ich antwortete ihr, wenn ich tot sei. Anscheinend ist es nun früher eingetreten. Oder gibt es eine andere Erklärung? Ich entschuldige mich hiermit auch, wenn dieser kulinarische Beitrag etwas zu sehr personenbezogen ist. Möchte mich selbst garnicht so wichtig machen. Aber nach Steinach in Thüringen werde ich in diesem Leben sicher noch einmal hinfahren. Und vielleicht im Gasthaus zur Höll eine Brawurst bestellen.


 

 

 

 

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