Wiesent Hammermühle

 

 

In einem Bächlein helle, An der Wiesent, September 2014

 

 

Eigentlich steckte mir noch die Mystik der Gutach in der Seele und da wird sie auch bleiben. Dieses Stück Wildnis hatte mich am letzten Tag des Mai 2014 in sich gefangen, ich habe sie körperlich und mental vollkommen inhaliert, es hat mich in eine andere Zeit, eine andere Umgebung versetzt. Dass ich diesen Ort ohne „Beute“ verlassen habe, ist im Nachhinein bedeutungslos. Immerhin sind auch keine körperlichen Schäden zurückgeblieben. Wenn ich mal wieder auf den glatten Steinen ausgerutscht und ins Wasser geplumpst bin, habe ich sehr darauf geachtet, nicht mit dem Kopf anzuschlagen.

 

Diese Gefahr bestand nicht, als ich mich im September zum dritten Mal nacheinander an die Wiesent bei Waischenfeld (Oberfranken) begab. Gerüstet mit den Erfahrungen der Maifliegenzeit 2013.

 

Ich hatte es mir so schön vorgestellt. Vom Balkon des Zimmers der Hammermühle sind es nur wenige Meter zum Wasser. Marianne könnte mir zusehen und müsste sich keine Sorge machen.

 

Anglerischen Erfolg erhoffte ich mir schon. Hatte ich doch im Vorjahr etliche Bisse gehabt und die Erkenntnis gewonnen, dass es hätten mehr sein können, wenn ich nur die richtige Maifliege sofort parat gehabt hätte. Die richtige Maifliege bekam ich 2013 von meinem Vermieter, Herrn Schrüfer. Danach ging es zügig mit den Bissen. Den großen Fisch habe ich leider am letzten Tag vom Haken gehen lassen und das sollte mir in diesem Jahr – verdext noch mal – nicht wieder passieren.

 

Es ist mir in der Tat nicht wieder passiert. Nur die Art und Weise, wie die Forderung an das Angler-Glück in Erfüllung ging, gefiel mir auch nicht. Es ist nichts von dem so gekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte.

 

Wiesent bei Waischenfeld

 

Also fangen wir mal von vorne an.

 

Samstag, 13.09.2014

 

Marianne war nicht reisefähig. Es schüttete seit Tagen in ganz Deutschland. Ein Anruf in Waischenfeld ergab die Kunde einer kleinen Überschwemmung. Losgefahren bin ich trotzdem. Die A3 verließ ich bei der Ausfahrt Höchstadt/Aisch. In Willersdorf an der Aisch hatte ein Schreinermeister einen Riesenwels gefangen. Sollte die Ortschaft nicht besser Wallersdorf heißen? Gleichwohl, weil ich mit Aischwasser getauft bin, wollte ich mir die Örtlichkeiten doch mal ansehen. Die Aisch sah ich und im Ort den Landgasthof Rittmeyer, den ich mir als adäquates Hotel für einen eventuellen Karpfen-Wallerfang-Aufenthalt vormerkte.

 

 

Wenig später fuhr ich in Waischenfeld ein. Die braune Brühe Wiesent war nicht zu beangeln. Damit hatte ich gerechnet, wusste aber vom Vorjahr, dass der Fluss schnell wieder klar wird. Immerhin war das Hochwasser schon abgeflossen. Es war trocken, aber bedeckt.

 

Das Zimmer mit Balkon und Blick auf die Idylle „Wiese mit Bach“ hätte auch Marianne gefallen.

 

Hammermühle, Blick vom Zimmer mit Balkon

 

Sonntag, 14.09.

 

Das Frühstück in der Hammermühle war bemerkenswert. Alles fein abgezählt auf einem Teller.

Robert Hofmann hat verschiedene Strecken, die seine Gäste mit der Fliege beangeln dürfen. Für den Anfang wähle ich die Hausstrecke. 15 € Lizenz pro Tag. Auf der Genehmigung steht „Bitte nicht Waden“. Nach kurzem Nachdenken verstehe ich, was Robert Hofmann meint. Watstiefel und Wathose würde ich nicht brauchen. Fragen Sie mich jetzt nicht nach dem nächsten Kalauer. Komme ganz durcheinander nach der Rechtschreibreform.

 

Unter dem Gästehaus hat Manfred Hermann einen Fliegenfischer-Shop. Dort hole ich mir die vermeintlich passenden Fliegen. Manfred Hermann ist der Guru der Waischenfelder Fliegenfischer. Ihn verbindet – dem Reden nach - eine etwas unterdrückte Freundschaft mit seinem Widerpart Michael Sanna, der mich im vorigen Jahr an der Wiesent bei Muggendorf eingewiesen hatte. Wenn ich die Bemerkungen beider Spezialisten über das jeweils andere Revier ernst nehmen würde, wäre ich vermutlich fluchtartig verschwunden.

 

Manfred Hermann sucht die Fliege aus, die heute fängig sein soll, eine Garantie gibt er nicht. Hatte ich auch nicht erwartet. Da fällt mir der Vermieter vom Vorjahr ein, Herr Schrüfer. Mit seinen geschenkten Fliegen hatte ich Bisse ohne Zahl. Seine beste, künstlerisch gefertigte Fliege hat einen Ehrenplatz bei mir. Ein Besuch bei ihm ist nicht mehr möglich. Er ist einige Wochen nach unserem Besuch 2013 verstorben.

 

Hermanns Superfliege

 

Die Hausstrecke befindet sich zwischen dem Ortsausgang von Waischenfeld und reicht noch 50 m an der Hammermühle vorbei. Insgesamt ist sie ca. 500m lang. Ich verlasse mein Zimmer mit montierter Rute, den Kescher auf dem Rücken.

 

 

Das Wetter hat aufgeklart. Die Wiesent ist allerdings noch etwas braun. Fische nehme ich wahr, außerhalb der Grenze springen sie manchmal. Keine Riesen, aber immerhin. Am späten Nachmittag gehe ich langsam zur Brücke zurück, lasse die Schnur treiben und hole sie nach und nach ein.

 

Kurz vor der Brücke, im trüben, langsam fließenden Wasser, dann der Biss. Am Kampfverhalten erkenne ich, der Fisch hat wahrscheinlich nicht das Mindestmaß. Ich kann ihn ohne Kescher über das Geländer heben. Die Bachforelle ist 28cm lang und hat auf die Goldkopf-Nymphe gebissen. Ich setze den Fisch sorgsam zurück und beende den Angeltag. Er hat mich 3 Nymphen gekostet. Gehakt von Büschen am Ufer.

 

Abends in der „Post“ nehme ich Rindersuppe und Schäufele. Es gibt auch mein Leib- und Magenbier. Kulmbacher Pils.

 

Montag, 15.09

 

Beim Frühstück erfahre ich von meinen Tischnachbarn, dass sie heute zur Ortsstrecke gehen. Ich merke auf. Bei Herrn Hermann hole ich mir die Lizenz für zwei Tage Ortsstrecke. 25€ pro Tag. Das Wetter ist gut. Zeit für die Trockenfliege, meint Herr Hermann. Ich montiere die Schwarze, weil sich ihre lebenden Kameraden am Wasser anbieten. Die Wiesent ist wieder klar. Nach der Regenphase sollten die Fische eigentlich wieder eifrig beißen, meinen die gesammelten Sachverständigen. Ich schließe mich da gerne an. Die Verkrautung des Wassers läge am warmen Winter, da seien die Pflanzen nicht so wie üblich abgestorben. Außerdem würden die Bauern sowieso zuviel düngen. Da wünsche ich mir doch eine Brigade Graskarpfen.

 

Am Wasserfall sehe ich drei Leute. Vor dem Altenheim steht ein Angler mit grünen Stiefeln. Die Zwei bei den Fahnen sind meine Tischnachbarn. Sie werfen ausgesprochen viel. Meister Grünstiefel bringt die Rute nicht hinter 12 Uhr. Einen Drill sehe ich nicht.

 

Jetzt woanders hinzugehen, wäre dämlich, sage ich mir. Wo Herr Hermann die Stelle doch so empfohlen hat. Die Stelle ist total verkrautet. Es gelingt mir aber, meine Trockenfliege nach jedem Hänger zu bergen. Die Fische müssten jetzt nach der Lesart des Herrn Hermann aus dem Kraut heraus schnellen und meine Fliege nehmen. Tun sie aber nicht. Also akzeptiere ich meine eigene Dämlichkeit und ziehe weiter. Unter die Brücke bei REWE und weiter auf den Sportplatz zu.

 

Kein einziger Biss. Wenig später gesellen sich Grünstiefel und die Frühstückskameraden in meine Nähe. Sie sehen nicht glücklich ist. „Alles untermaßig“ meint einer. „Ja“ denke ich mir, 0,0 Zentimeter. Meine waren aber auch nicht größer.

 

Ich gehe zurück zum Wehr, nun unterhalb des Wasserfalls, was auch eine gute Stelle sein soll. Eine kleine Forelle sehe ich am Rand. Nichts für den Fang, aber immerhin gut, den Reiz meiner schwarzen Fliege zu testen. Das Forellchen schwimmt indigniert vorbei und nimmt Sekunden später eine echte Fliege. Das reicht mir für heute.

 

Auf der anderen Seite, direkt am Wasser, hat das Hotel zur Post eine Dependance. Moderner Fachwerk-Neubau. Vom Balkon kann man direkt auf das Wasser mit Wehr und die fahnenbestückte Allee schauen. Und auf dämliche Angler. Gute Aussicht für Fischer-Ehefrauen.

 

Hotel zur Post

 

Das Stück Wiesent, auf das ich im vorigen Jahr von unserer Ferienwohnung aus blicken konnte, gehört dem Hotel Post und nicht der Hammermühle, wie Herr Schrüfer glaubte. Also kann ich auch in diesem Jahr dort nicht angeln. Hätte auch keinen Spaß gemacht. Schlecht zu werfen, verkrautet, wie ich nach kurzer Besichtigung erkenne.

 

Ich fahre weiter nach Behringersmühle. Netter, kleiner Touristenort. Im Gasthof gleichen Namens bestelle ich Kürbissuppe. Ganz hervorragend, die Fahrt hat sich gelohnt. Danach am zweiten Tag nacheinander Schäufele. Das gibt es halt wenig außerhalb Frankens.

 

Der Gasthof hat auch eine eigene Forellen-Strecke und Bachforellen im Zuchtteich. Die kommen aber nicht in die Pfanne. Beim besten Willen nicht.

 

Dienstag, 16.09.

 

Die beiden Frühstückskameraden reisen ab. Einer fährt noch an die Strecke bei Aufseß. Der andere Super-Fliegenfischer-Profi sitzt traurig vor der Tür. Damit ich nicht alleine frühstücken muss, bietet mir die freundliche, blonde Schäferhund-Besitzerin an, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Noch eine kurze Diskussion mit der Frühstücksbeauftragten wegen zu wenig Butter und ich setze mich zu ihr. Der Hund verweilt im Zimmer.

 

Die Dame angelt sonst immer an der Hausstrecke. Diesmal nicht, weil sich der Hund beim Fischen nicht bändigen lässt. Sie gibt mir den guten Tipp, von der anderen Seite aus an das Wasser zu gehen. Dort sei das Kraut nicht so stark, die Wurfbedingungen besser und sie habe dort schon erfolgreich gefischt. Dann erzählt sie mir auch, dass Gäste ständig die Fische unterhalb des Wehrs an der Wiese mit Brötchenkrumen füttern. Ich lasse mir nichts anmerken, aber das stinkt mir. Wie soll da der Fisch noch nach der Fliege schnappen? Denke, da muss ich was tun. Einen Namen für den Pool habe ich schon gefunden. Chicken-Pool. Super-fette-Schweine-Chicken-Pool.

 

Herrn Hofmann drohe ich an, die Fische aus seinem Privatpool heraus zu holen. Er reagiert etwas ungläubig. Die Dame haut sich auf den Schenkel.

 

Heute bin ich jedoch noch mal an der Ortsstrecke. Grünstiefel ist auch wieder da. Im Prinzip wiederholt sich bezüglich des Beißverhaltens der gestrige Tag. Meine deswegen vorhandene – zusätzliche – Missstimmung wird gemildert, als ich einen Einheimischen betrachte, der mit der Fliegenrute heranpirscht. Indianermäßig in halbgebückter Haltung. Ohne Feder. O jeh, denke ich, das wird was geben. Als er mich von der Brücke aus - oberhalb des Wehrs mit dem vorgelagerten Urwald im Wasser - werfen sieht, schießt er keinen Pfeil auf mich, sondern schwenkt ab. Geht unterhalb des Wasserfalls. Ich gehe meine normale Route und stehe etwas später auch dort. Klein Forellchen von gestern ist auch noch da. Da kommt der Indianer wieder, sieht seinen Platz besetzt. Mal sehen, was er jetzt tut, denke ich. Er positioniert sich tatsächlich an die schmalste Stelle zwischen Wasserfall und Wehr.

 

 

 

Wasserfall Richtung Stadt - total verkrautet. Wer hier fischt, hat nur Hänger.

 

Am Wehr, Ortsmitte von Waischenfeld. Ich habe den ganzen Tag keinen einzigen Biss gehabt, obwohl die Fische springen. Pirsche mich noch einmal unter der Brücke bei REWE an. Ohne Erfolg. Als ich zurück zum Auto am Rand des REWE-Parkplatzes gehe, sehe ich einen Halbe-Meter-Fisch springen.

Genau an der Stelle, wo ich eben gestanden habe. Das ist mir an diesem Tag schon mehrfach so ergangen und ich denke, die nassen Kameraden machen sich einen Ulk mit mir. Das lasse ich mir nicht gefallen, ziehe die Rute aus dem Kofferraum und fische die Stellen noch einmal ab. Letztendlich ohne Überzeugungskraft. Sie mögen halt meine Fliege nicht. Vielleicht Brötchen.

 

Himmiherrgottsaggramentscheissglumpvarreckstamarschleckstmi.

 

Mein Freund Gonzalo würde schlicht „Verdammter Kojote“ sagen und das Gleiche meinen.

 

Als ich abschließend wieder an der Fahnenallee stehe, werde ich von Passanten zum wiederholten Male gefragt: „Beißen (S)sie?“. Ich unterstelle das große „S“ und antworte: „Nur wenn man mich reizt“. Die Fragerin gibt mir aber noch einen kleinen Hinweis, der mich etwas ruhig stellt. Der Einheimische – er ist inzwischen verschwunden – habe gesagt, heute könne man alle mögliche Fliegen an den Fischen vorbei führen, sie würden sie nicht nehmen.

 

Wenig später geht Grünstiefel an mir vorbei. Er hat zwei Fische gefangen, obwohl es schlecht gewesen sei, sagt er. Ich glaube ihm kein Wort.

 

Zum Abendessen fahre ich zu Joebstel. Ich nehme ein Bier, Saiblingsfilet und fränkischen Riesling, noch ein Bier und einen Silvaner. Natürlich nicht gegen den Frust. Dafür habe ich schon einen Plan.

 

 

 

Mittwoch, 17.09.

 

Meine Fliegenrute habe ich mit einem riesigen, bunten Streamer bestückt, den mir Herr Hermann verkauft hat. Ich gehe gar nicht erst frühstücken, sondern sofort zum Fette-Schweine-Chicken-Pool und lasse den Streamer an die Brötchen-Fütterungsstelle fallen. Ohne Erfolg. Auch als ich anfange zu werfen, um den restlichen Pool abzufischen. Das bringt also nichts.

 

Nach dem Frühstück sehe ich einen Schweinefütterer, als der Brötchenkrumen in den Pool wirft. Die Fische sind sofort da und sie sind nicht klein.

 

Als der Zoo-Futtermeister weg ist, demontiere ich meinen Streamer und binde etwas anderes an. Gegen jede Sportlichkeit und Fischerehre. Asoziale Fischergedanken im Hirn. Aber das ist mir jetzt wurscht. Ich ziehe sofort eine Regenbogenforelle heraus. Die ja nichts hier zu suchen hat, das ist ein Bachforellengewässer. Regenbogenforellen soll man nicht zurückwerfen. Somit ist dies der Tod vom Zappelphilipp. Wäre er eine Bachforelle gewesen, hätte ich ihn in schnell fließendes Wasser umgesetzt, damit er(sie) einen normalen Bachforellen-Lebenswandel außerhalb der Prostitution führen kann.

 

Im Zimmer habe ich keinen Kühlschrank. Aber meine mitgebrachte Kühltasche mit Strom läuft im Dauerbetrieb. Damit das Bier nicht warm wird. Der Regenbogner kommt eingewickelt in Folie und sauber ausgenommen zum Bier.

 

Nach der Episode am fette-Schweine-Chicken-Pool wende ich mich wieder der edlen Kunst des sportlichen Fliegenfischens zu. Wieder mit der schwarzen Trockenfliege. Am anderen Ufer der Hausstrecke sind tatsächlich etliche Stellen, von denen sich sauber werfen lässt, wenn man einigermaßen aufpasst. Verkrautet ist der Fluss hier auch, jedoch nicht ganz so stark. Die Trockenfliege gleitet meist über das Kraut. Bisse habe ich auch hier keine, obwohl die Bedingungen vom Wetter her theoretisch gut sind. Aber immerhin wieder das Gefühl, sauber zu fischen.

 

In der Mitte mache ich eine Bachforelle aus, die im klaren Wasser gegen den Strom steht. Ab und zu sehe ich sie schnappen. Entfernung etwa 15 m. Es gelingt mir, die Schnur so zu platzieren, dass die schwarze Fliege mit dem Strom knapp an ihr vorbei rauscht und sehe, wie sie sich unruhig bewegt. Aber sie beißt nicht. Auch nicht, als ich die schwarze gegen eine graue Fliege austausche. Gleiches Spiel, gleiche Reaktion. Da weiß ich auch nicht mehr weiter, fische den Fluss noch bis zur Grenze und wieder zurück ab, aber es gibt keinen Biss. Auch da nicht, wo die Freunde mit der glitschigen Haut springen, um mich regelrecht zu verarschen. Entschuldigen Sie die gehobene deutsche Ausdrucksweise.

 

 

Es läge vermutlich daran, dass die Laichzeit bevorstände, meint Herr Hermann. Was die Mitangler zum Lachen reizt. Sie sind wie ich gefrustet, nehmen es aber sportlich.

 

Für den Nachmittag hat sich Besuch angekündigt. Meine Cousine mit ihrem Mann kommt. Hubert ist Vorstand eines Sportfischervereins mit mehreren, teilweise riesigen Gewässern in Mainnähe. Er zieht regelmäßig große Karpfen und Hechte heraus. Jedem das Seine, aber ist es gerecht? Sie haben einen oberfränkischen Vesper und Bier mitgebracht. Wir schauen von der Wiese auf die Wiesent und ich frage mich, wo ist mehr Kraut. Im Wasser oder auf der Wiese.

 

Wurf am "fette-Schweinepool". Dahinter die Pension Hammermühle

 

Meine in Folie eingewickelte Regenbogenforelle dränge ich ihnen auf. Ich mag meine Kühltasche nicht länger mit dem Brötchenfresser kontaminieren. Bevor beide gehen, bittet mich Ingrid noch, die Wurftechnik für Fliegenfischer zu demonstrieren und fotografiert mich dabei. Ich mache für sie das Zirkuspferd, gebe ein elegantes Bild von hinten, aber weil die Fliege im Chicken-Pool niedergeht, beißt natürlich keiner der Bäckerfreunde. 

 

Wurfdemonstation Das Kraut ist deutlich zu sehen

 

Donnerstag, 18.09.

 

Mein letzter Angeltag. Wieder an der Hausstrecke. Irgendwie habe ich für andere Strecken keinen Bock mehr.

 

Es geht mir wie an den Tagen vorher. Kein Biss. Nur meine Wurftechnik verbessert sich von Stunde zu Stunde. Kann nun trotz Büschen und Ästen bis auf die andere Seite werfen und der Fluss ist hier ziemlich breit. Deswegen die sanfte Strömung und deswegen sicher auch die Wasserpflanzen ohne Ende.

 

Am Nachmittag will ich mir die anderen Strecken doch einmal ansehen. Die Rute nehme ich mit, obwohl ich keine Lizenz habe. 

 

 

Die Fahrt geht Richtung Behringersmühle. Das erste der beiden Fischwasser beginnt „an der Stelle, wo der Felsen direkt bis zur Straße reicht“ und endet an der Mündung der Aufseß. Es ist ein liebliches Stück Landschaft. So wie man sich die fränkische Schweiz vorstellt. Schon auf dem Weg nach Waischenfeld kommt man hier vorbei und sieht, wie sich die Wiesent malerisch durch die Wiesen windet. Was sofort Zuckungen meiner rechten Hand auslöst. Ich parke knapp zwischen Felsen und Straße, gehe über die Wiese und habe seltsamerweise, wie von ganz alleine, meine bestückte Rute in der Hand. Aus der Höhe höre ich Gewaule junger Stimmen. Da hängen die Kletterer im Fels.

Ich gestatte mir fünf lizenzlose Würfe. Nur so zum Test. Wenn ich Ihnen jetzt an dieser Stelle erzählen würde, ich hätte ein 50cm-Bachforelle herausgezogen, würden Sie das nicht glauben. War auch nicht so.

 

Ich fahre weiter zur Schottersmühle. Die Strecke reicht „von der Mitte der alten Brücke“ und endet beim Alten Wasserrad. Es ist schwer, an das Wasser heranzukommen, doch von einigen Parkplätzen aus kann man sich durch das Dickicht schlagen. Die Wiesent ist hier ein richtiger, ziemlich schmaler Wildbach, wegen hohem Gemüse von der Seite schwer zu beangeln. Um hinein zu steigen (was eh verboten ist) eher nicht geeignet. Man braucht die Schnur auch nicht richtig werfen. Hineinflippen lassen dürfte an den meisten Stellen genügen.

 

Beim Frühstück am nächsten Tag wird mir Herr Hofmann erzählen, dass zwei Tage vorher hier eine Riesen-Bachforelle gefangen worden sei. Ich bin es nicht gewesen.

 

Zurück an der Hausstrecke, es wird langsam dunkel, überkommen mich erneut asoziale anglerische Anwandlungen. Ich gehe zum Pool der fetten Schweine und ziehe mit oberfränkischen, aus Leberwurst geformten Fliegen, einen Fisch heraus. Es ist wieder eine Regenbogenforelle. Ich nehme sie mit zur Sonne und lasse sie mir zubereiten.

 

Die Wirtin bittet mich, den Tisch zu wechseln, weil eine Gruppe angefragt hat. Kein Problem. Als die Leute hereinkommen, erkenne ich sie als die Wandergruppe, die vorhin bei der Hammermühle eingecheckt hat und vor denen ich die Fliege versteckt habe, mit der ich die Forelle fing, die jetzt auf dem Teller liegt. Ich erzeuge Aufmerksamkeit. Angler verspeist Forelle, die er soeben gefangen hat. Wiesent-Folklore. Ich widerspreche nicht. Stimmt ja alles. Die Wirtin schafft es nicht, rechtzeitig den Riesling zum Fisch zu servieren. Er kommt nach zweimaliger Reklamation, als der Teller schon fast leer ist. Geschmeckt hat es überhaupt nicht. Trotz Mandelbutter. Das Filet hat die Konsistenz von Brötchen. Der beleidigte, ausgetrickste und gemordete Fisch hat sich im Tode noch gerächt. Der Fisch, dessen Cousin meiner Cousine geschmeckt hat.

 

 

Freitag, 19.09.

 

Vor der Abreise bitte ich Herrn Hofmann, mir noch einige Bachforellen aus seiner Tiefkühltruhe mit zu geben. „Sind von Gästen gefangen und vergessen worden“, sagt er. Deswegen hat er nicht so viele. Gibt mir nur zwei Stück. Für 6 €. Sie haben wunderschöne rote Punkte. Sind aber etwas kurz geraten. Von wegen Mindestmaß 32 cm. Oh oh, Herr Hofmann, wer hat da untermaßige Fische bei Ihnen zum Einfrieren gegeben? Trotzdem bekomme ich Vorfreude, die Delikatessen am Abend als Vorspeise zusammen mit Marianne zu vertilgen. Sie ist wieder reisefähig. Wir treffen uns in Schwabs Landhotel in Schwarzach am Main, Unterfranken.

 

Herr Schwab meint, es seien keine Bachforellen, sondern Bachsaiblinge. Was die Schmackhaftigkeit aber kaum beeinträchtigen würde. Er erkennt sie an den stark ausgeprägten roten Punkten und der Fettflosse. Marianne haben sie geschmeckt. Mir auch, trotz Wut im Bauch.

 

Für mich entstand nun die Frage, wie kommen untermaßige Saiblinge in die Wiesent und von dort in Hofmanns Truhe. Wie kommen große Regenbogenforellen in die Wiesent. Ich glaube, die Wahrheit werde ich nie erfahren.

Resümee

 

Wenn ich jetzt alles hinterfrage, komme ich auf einige Erkenntnisse. Wenn nur vier Angler pro Tag an der Stadtstrecke stehen, die einmal in der Minute werfen und vier Stunden angeln, wird die Fischpopulation pro Tag 960 mal attackiert. In sechs Monaten ist das 172.800 mal. Man kann davon ausgehen, dass die Zahl in Wirklichkeit höher ist. Als ich nun im September da war, waren meist nur untermaßige Fische wahrzunehmen. Da unterstelle ich einfach, dass der Großteil der maßigen Fische weggefangen wurde. Diejenigen, die sich nicht fangen ließen, haben überlebt, weil sie gelernt haben, zwischen lebenden und nachgemachten Ködern zu unterscheiden und die doofen Angler zu düpieren.

Böse Zungen der nachbarschaftlichen Mitbewerber bei dem Geschäft „touristische Angler“ behaupten, in Waischenfeld würden überhaupt nur maßige Forellen eingesetzt, damit der Kunde zufriedengestellt würde. Man selbst würde das selbstverständlich nicht tun, sondern die kleinen Fische wachsen lassen. Ein Spezialist aus Waischenfeld behauptet seinerseits, in Muggendorf würden Regenbogenforellen eingesetzt. Gefangen habe ich sie allerdings in Waischenfeld.

 

Ich trete mit meiner Fliegenrute eigentlich an die Wiesent, weil ich die Bachforelle haken möchte, die längere Zeit im Bach gelebt und sich von den Kleinlebewesen dort ernährt hat. Da habe ich nun das Gefühl, dass ich mir das weitgehend abschminken kann.

 

Ob ich jemals wieder an die Wiesent fahre, um zu fischen, kann ich jetzt nicht sagen. Zur Zeit ist die Tendenz eher negativ. Aber wer weiß, vielleicht packt es mich wieder, trotz aller negativen Erkenntnisse.

 

Heinz Elflein

Oktober 2014

 

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Elfleins Frankenschau