Ingrid und Ekkehard

 

 

Autobiographisches

 

 

 

Hau ab, Du Werschtla“ , sprach Ingrid zu mir. „Werschtla“ ist fränkisch, heißt „Würstchen“.

 

Das machte mich betroffen, ich war ihr aber nicht böse. Ich wusste, betören konnte ich Frauen nicht. 184 cm lang, 70 kg, dürr und pickelig, 17 Jahre.

 

Am Vortag war ich aus Düsseldorf angekommen. Richtig herzerbauend, wieder einmal am Ort meiner Kindheit zu sein. Vor drei Jahren hatte ich eine Lehre im noblen Oberkassel begonnen und war mit den Eltern in eine nagelneue Wohnung im linksrheinischen Neuss gezogen.

 

Ich übernachtete bei einer Tante. Freute mich, bald alte Freunde zu sehen und vielleicht etwas Fußball mit ihnen zu spielen.

 

Zuerst wollte ich aber in die Turnhalle, wo die Tischtennisabteilung des Turnvereins trainierte. Dort würde mit großer Wahrscheinlichkeit auch Ingrid sein. Meine Hoffnung erfüllte sich. Sie war da und sah – wie immer - wunderschön aus. Vorher hatte ich mir Gedanken gemacht, wie ich mich ihr nähern könnte. Damit es nicht bei einem beiläufigen Nicken und der Bemerkung “Ach, auch wieder mal da“ blieb. Es sollte schon etwas witzig und nicht dämlich sein.

 

Seinerzeit lief im Fernsehen die Werbung für die Zigarettenmarke Stuyvesant. Wo eine behandschuhte Hand jemand eine Zigarette anbot. Das fand ich damals cool. Also imitierte ich die Werbung, zog mir ein paar Handschuhe an und hielt Ingrid die Schachtel, aus der eine Zigarette herausragte, vor die Nase. „Hallo Ingrid, darf ich Dir eine anbieten?“.

 

Mit dem eingangs beschriebenen Erfolg. Höflich war das nicht, aber die Menschen in Franken sind manchmal so.

 

Zum ersten Mal hatte ich Ingrid gesehen, als wir beide sieben Jahre alt waren. Sie lief über den Pausenhof der Schule am Klosterplatz. Ich war offensichtlich schon damals für weibliche Reize empfänglich und unbewusst schon auf Freiersfüßen. „Dieses Mädchen möchte ich heiraten, wenn wir groß sind“, dachte ich. Also machte ich große Schritte, um sie zu beeindrucken, was mir gelang, denn sie schaute interessiert auf mich. Wir kamen beide in die selbe Klasse.

Dort hatten wir eigentlich nur hübsche Mädchen. Ingrid war für mich die Schönste, mit ihren ebenmäßigen Gesichtszügen, diesen Bewegungen und diesem Blick.

 

Wir wohnten damals in einem historischen Fachwerkgebäude am Ende einer Straße mit noblen Bürgerhäusern. Die Wohnungen waren einfach und bestanden aus zwei Zimmern, es wohnten Leute darin, die finanziell nicht auf Rosen gebettet waren. Mein Vater war erst aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück gekommen, als ich schon vier Jahre alt war.

 

Schräg gegenüber stand die Villa, die Doktor S. mit Frau und vier Söhnen bewohnte. Der jüngste Sohn war Ekkehard, der mein Schulkamerad und guter Freund wurde.

 

Wir gingen in die Gemeinschaftsschule, die ausschließlich von evangelischen Kindern besucht wurde. Die katholischen gingen in die katholische Bekenntnisschule. Eine evangelische Bekenntnisschule gab es nicht, soweit ich mich erinnere.

 

Ekkehard und ich bereiteten uns manchmal zusammen auf die nächste Klassenarbeit vor. Trotzdem erhielten wir immer unterschiedliche Noten. Darüber sprachen wir noch, als wir schon längst erwachsen waren. 

 

Auf dem Heimweg von der Schule, vorbei an Kleingärten, gab es schon mal Probleme für mich. Ekkehard stand mir zur Seite, wenn es Prügeleien gab. Ich war nicht besonders beliebt bei meinen Mitschülern. Das lag eigentlich nicht an mir, ich suchte keinen Streit und hielt mich, soweit es ging, von körperlichen Auseinandersetzungen fern. Es waren meine guten Noten. Es gab kaum eine Klassenarbeit, die nicht mit „sehr gut“ bewertet wurde. Was den Unmut mancher Mitschüler erregte. Ekkehard dagegen war sehr beliebt, auch sportlich sehr gut. Er hatte sich Respekt verschafft. In der fünften Klasse wurde er Klassensprecher. Hat er selbst organisiert, indem er mit einem „Wahlzettel“ durch die Reihen ging. Ich grinse still vor mich hin, wenn ich heute daran denke. Danach trennten sich unsere schulischen Wege.

 

Ekkehard war ziemlich perfekt. Er war dunkelhaarig, schlank, muskulös, sah sehr gut aus. Ein richtiger Beau, ein Schwarm jüngerer und auch etwas älterer Damen. Wovon man im Städtchen nicht allzuviel bemerkte. Er war auch ein sehr guter Fußballspieler, mit geschmeidigen, eleganten Bewegungen. Es war eine Erbauung, ihm zuzusehen. Er spielte in der ersten Schülermannschaft, dann in der ersten Jugendmannschaft. Hätte sicher das Zeug zu einer Profikarriere gehabt, hat sich aber anders entschieden. Ich selbst durfte in der ersten Mannschaft nicht mitspielen, war aber der Torjäger der Zweiten. Damals bekam ich den Spitznamen „fliegender Linksaußen“. Spötter meinten, nicht weil ich so schnell war, sondern weil ich dauernd hinfliegen würde.

 

Es hatte sich einiges getan, während meiner Abwesenheit. Ingrid war die Freundin von Ekkehard geworden. Keinem anderen hätte ich sie gegönnt. Ich hatte ihm, als wir im Alter von 11 Jahren auf dem Heimweg von der Schule waren, erzählt, dass mir Ingrid sehr gefallen würde. Ich erinnere mich noch genau, dass er damals aufmerkte und überlegte.

 

Nach dem Gymnasium verpflichtete sich Ekkehard etliche Jahre bei der Bundeswehr. Wo er zum Hubschrauberpilot ausgebildet wurde. Gerne erzählte er, wie toll es sei, den Hubschrauber in den Alpen steil zum Gipfel hochzuziehen. Dafür beneidete ich ihn etwas. Mein Leben war nicht so spektakulär, ich arbeitete am beruflichen Aufstieg. 

 

Ingrid und Ekkehard haben geheiratet. Ich fand Marianne, mit der ich heute 48 Jahre verheiratet bin. Die beiden bekamen zwei Töchter, uns blieb der Kindersegen versagt.

 

Als wir alle schon gestandene Leute waren, wurde ich mal wieder zu einem Klassentreffen in der Heimat eingeladen. Es fand in einem gutbürgerlichen Restaurant statt, wo der ältere Bruder Ekkehards eingeheiratet hatte und nun Koch war.

 

Ingrid saß mir gegenüber und sah atemberaubend aus, mit ihrem Augen-Makeup. Sie rauchte. Ich selbst hatte damit aufgehört, als ich zur Bundeswehr einberufen wurde. Ekkehard turnte von Tisch zu Tisch. Ich habe ihn nie im Leben mit einer Zigarette gesehen. Er habe aber Zigarren geraucht, erzählte mir kürzlich ein Schulfreund. Im Keller bediente ein gutaussehender Barmann, der leider schwul war. „Die Kerle sehen auch immer so gut aus, dass man sie direkt vom Gegenteil überzeugen möchte“, meinte Ingrid.

 

Ich gestand Ingrid, als Schüler schwer in sie verliebt gewesen zu sein, was sie wohlwollend zur Kenntnis nahm. Der Pickelhering war inzwischen zu einem schwarzen Vollbartträger geworden. Ingrid war auch verliebt damals. Wie sie mir lächelnd gestand. In einen Mitschüler, im Aussehen entfernt asiatisch angehaucht. Jetzt bin ich etwas gemein und sage, das war aber das einzig Bemerkenswerte an ihm. In solchen Momenten kann es sein, dass man denkt „Was wäre wenn...“.

 

Nach dem Ende seiner Dienstpflicht kam Ekke als Arzt zurück. Die Bundeswehr hatte ihm das Studium ermöglicht. Er eröffnete eine Praxis, wurde Stadtrat und kandidierte als SPD-Kandidat für den Bundestag. Was Ingrid überhaupt nicht gefiel. Die Möglichkeit, dass Ekke nach Bonn müsse, hat sie drastisch kommentiert. Das Direktmandat gewann aber der Kandidat der CSU, der dann Postminister wurde. Einen gesicherten Listenplatz hatte Ekke offenbar nicht. Schade, dass er nicht gekommen ist, wir hätten in Bonn, wo ich in der Zentrale einer großen Behörde diente, etwas machen können.

 

 

Ekkehard als junger Staadtrat

 

So gingen die Jahre ins Land. Ich hatte immer wieder denselben Traum. Ekkehard hätte sich von Ingrid getrennt und sie stände nun alleine da. Auf die Idee, die Lücke zu füllen, die Ekke hinterlassen hatte, kam ich aber auch im Traum nicht. Sie tat mir nur unendlich leid und ich war jedesmal froh, wieder wach zu werden.

 

Immer, wenn wir mal in meiner Heimat Urlaub machten, zog ich mit Marianne über die Dörfer, zu den einschlägigen Wirtshäusern mit fränkischen Spezialitäten. Öfter hörte ich, Ekkehard sei da gewesen. Gesehen habe ich ihn nie. Ingrid begleitete ihren Mann nicht ins Wirtshaus und er soll manchmal sehr spät nach Hause gekommen sein.

 

Vor einigen Jahren trat ich dem Sportfischerverein bei. Der Karpfenangelei wegen. Wer mehr darüber wissen möchte, kann dies in meiner Homepage unter

 

http://www.elfleins-frankenschau.de/middlfranggn/windsa/fischen-in-windsa/  nachlesen.

 

Im September 2017 saß ich an meinem bevorzugten Weiher auf einer Bank und hielt meine Karpfenangel ins Wasser. Ein alter Mann setzte sich zu mir. „Sie sind nicht von hier?“ sprach er nach einer Weile. „Ich kann das sowohl bejahen als auch verneinen“ antwortete ich. Dann klärte ich ihn auf. Dass ich hier geboren, im Alter von 14 Jahren weggezogen sei, aber immer wieder gerne käme. Dann nannte ich ihm einige Personen, die ich zu meiner Schulzeit gut gekannt hatte. Unter anderem auch die Namen von Ingrid und Ekkehard.

 

Ingrid sei vor einigen Wochen verstorben. An Lungenkrebs. Auch Ekkehard hatte der Krebs befallen, er habe ihn aber überstanden.

 

Wieder zuhause, schrieb ich Ekkehard einen Brief. Er hat nicht geantwortet.

 

Es sollte aber noch zu einer persönlichen Begegnung kommen. Einige Monate später musste ich einen Aufenthalt im Ort aus familiären Gründen verlängern, hatte aber nicht genügend Medikamente dabei. Um umfangreiche Untersuchungen anderer Ärzte zu vermeiden, bat ich Ekkehard, mir einen kleinen Vorrat zu verschreiben.

 

Als ich das Rezept in seiner Praxis abholte, befanden sich dort nur zwei Sprechstundenhilfen. Ich sprach kurz mit ihm und merkte, dass er keine große Lust hatte, viel zu reden. So fragte ich ihn nur, ob Ingrid sehr gelitten hätte. Hatte sie nicht, nach einem Schlaganfall war sie sofort tot. Auf sein eigenes Befinden sprach ich ihn nicht an.

 

Unsere Vermieterin wusste mehr. Als der Lungenkrebs diagnostiziert wurde, hatte Ingrid das Rauchen eingestellt. Es war wohl zu spät.

 

Ekkehard hatte ich bei meinem Besuch nichts angesehen. Er sah auch in unserem Alter noch gut aus. Ein paar Wochen später erreichte mich die Nachricht, sein Krebs sei zurückgekommen, er habe die Praxis aufgegeben und sich selbst in ein Hospiz eingeliefert, wo er kurze Zeit später ebenfalls verstarb.

 

 

Ekkehard bei seiner Verabschiedung als Stadtrat

 

Niemand wird mit absoluter Sicherheit sagen können, warum beide Ehepartner etwa zeitgleich dieselbe Krankheit bekommen haben. Es dürfte sich um jahrzehntelangen Tabakkonsum handeln. 

 

Ich würde gerne mit der Tochter sprechen. Sie soll in einem Nachbarort wohnen, aber niemand, den ich ansprach, wusste ihren jetzigen Namen.

 

Wenn ich überlege, wie viele Freunde, Bekannte und Kollegen an Lungenkrebs wegen Nikotinkonsum verstorben sind, komme ich auf eine beachtliche Zahl. Ich weiß aber auch, dass es meist wenig Sinn hat, jemand auf die Folgen des Rauchens hinzuweisen. Alle wissen es und machen trotzdem weiter. Bin auch ziemlich sicher, keinen Erfolg gehabt zu haben, wenn ich mit Ingrid liiert gewesen wäre und sie gebeten hätte, mit dem Paffen aufzuhören.

 

Es macht ganz schön traurig. Auch wenn ich daran denke, welcher liebe Mitmensch auch raucht.

 

 

Heinz Elflein

28.12.2018

 

P.S.

 

ein Bild von Ingrid habe ich leider nicht.

 

 

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