Meine Kindheit

Vorgeschichte

 

Im Januar 1944 bekam Vater Hochzeitsurlaub von der Wehrmacht. Er durfte aus Russland nach Windsheim. Anschließend wieder in den Krieg. Zurück bei seiner Einheit, waren alle Kameraden gefallen. Man setzte ihn als Kradmelder ein. Bald geriet er in russische Gefangenschaft. An der Wolga wurde er Kameltreiber und Flößer. Bewacht wurden die Gefangenen nicht, fliehen war unmöglich.

 

Ich kam im September 1944 zur Welt. Konnte nicht noch 4 Wochen warten, wie es so meine Art ist. Den einzigen Luftangriff erlebte meine Mutter mit mir, als sie gerade den Kinderwagen durch den Friedhofspark schob. Es hätte gepasst, hat aber nicht sollen sein.

 

Vater erkrankte in Gefangenschaft an Malaria. Von den Ärztinnen wurde er an den Füßen angefasst, man wollte sehen, ob er noch lebte. Eines Tages – man glaubt es nicht – bekam er einen Brief aus Deutschland. Darin lag ein Bild von meiner Mutter und mir. Wie das vonstatten ging, ist mir ein Rätsel. Ich glaube, es ging über das Rote Kreuz. Ob Vater damals das erste Mal von meiner Existenz erfuhr, habe ich nie gefragt. Jetzt ist es leider zu spät.

 

Die russischen Ärztinnen sahen das Bild und sagten Vater, er käme nachhause, wenn er gesund sei.

 

Zuhause wohnten Mutter und ich bei meiner Großmutter, direkt neben der Spitalkirche. Ich hatte tatsächlich ein Kinderbett. Gelegentlich soll ich darin aufgestanden sein und gesungen haben „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“. Ich glaube das nicht. Wohl aber, dass Mutter und Großmutter es zusammen gesungen haben. Ihnen ging es gut, sie ernährten sich von dem, was ihnen amerikanische Soldaten fürs Wäsche waschen gaben.

 

1948 kam Vater nachhause. Mutter und ich holten ihn am Bahnhof ab. Er hat nicht gewartet, bis die Schlange der Reisenden durch die Sperre gegangen war, sondern überquerte das Geländer mit einer Flanke. An seinen Geburtsort Neustadt/Coburg, durfte er - aus welchen Gründen auch immer - nicht zurück. So konnte er das Geschäft seines Meisters  nicht übernehmenwie es vor dem Krieg vorgesehen war. Als Teddybären-Produzent in der Spielzeugstadt hätte er nicht die Probleme mit der Arbeitssuche gehabt. Wer weiß, wo ich heute wäre.

 

 

Ab 1948

 

Es war schwer für Vater, Arbeit zu finden. „Sie kommen ja aus Gefangenschaft, sie können ja nichts leisten“, hörte er immer wieder. Ganz gesund war Vater ja nicht, er hatte Wasser und war etwas aufgeschwemmt, was sich aber bei der Kost von Großmutter und Mutter schnell legte.

 

Oft ging er in den Lenkersheimer Wald und „machte Stöcke“. Das heißt, Wurzeln ausgraben und zu Brennholz verarbeiten. Für die, die ihm den Auftrag gaben. Er ging zu Fuß die Strecke durch den Aischgrund in den Wald, weil Großmutter das Fahrrad nicht herausrückte, das auf dem Dachboden stand. Manchmal hat er im Wald übernachtet. Großmutters Rad habe ich nach ihrem Tod benutzt, bis es kaputt war. Vater hätte es da nicht mehr gebraucht.

 

Später kam er bei einem Altwarenhändler unter, der die auf den Landstraßen herumstehenden abgeschossenen Panzer verschnitt.

 

Ich bekam ein Spielzeug, das ich hinter mir herziehen konnte. Damit ging ich mit Vater zum Platz des Turnvereins. Als wir auf das andere Tor zu gingen, deponierte ich das Spielzeug an der Seitenlinie. Es war niemand in der Nähe, trotzdem war es weg, als wir es mitnehmen wollten. So habe ich im Alter von fünf Jahren erfahren, wie schlecht der Mensch ist.

 

Vater wurde Gründungsmitglied des FSV Lenkersheim, zusammen mit anderen Ex-Soldaten. Eines Tages gab es im Verein Familienbelustigung. Ich musste Sackhüpfen und war den anderen Kindern weit voraus. Da drehte ich mich um, rief nach Papa und wurde überholt. Das war sehr lustig für die Zuschauer. Mir hat diese Erfahrung geholfen, groß zu werden. Habe mich nicht mehr so leicht überholen lassen.

 

In der Altstadt bekamen wir eine Einzimmerwohnung. Die Klappe zum Keller stand öfter offen und ich bin im Alter von fünf Jahren prompt hinuntergefallen. Es scheint mir nicht geschadet zu haben. Mutter meinte, die „Alte“ (Vermieterin) habe die Klappe absichtlich offen gelassen. Im Haus gegenüber warf ich eine Scheibe ein. Natürlich aus Versehen. So war es gut, dass wir bald umzogen. In eine etwas größere Wohnung, wo ich mich an irgendwelche Vorkommnisse nicht erinnern kann.

 

Seegasse mit Ochsenhof und Storchennest

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Dann zogen wir noch einmal um. In den „Ochsenhof“ am Ende der Seegasse. Das Haus ist heute ein Museum. Damals wohnten dort Leute, die nicht gut betucht waren. Für mich wurde es richtig interessant, ich kam in die Schule und gewann etliche Freunde. Als ich viel später noch einmal in den Ochsenhof ging und dem Verwalter zeigte, wo mein Bett stand, war der sehr verwundert.

 

Mit einem Gummiball donnerte ich öfter gegen die Holzwand, die den Hof abgrenzte. Das wurde den Mitbewohnern zu laut. Also wich ich zum Fußballplatz des FSV aus, er war nur einen Kilometer entfernt.

Dort lieferte ich mir heiße Kopfballduelle mit Freunden und legte den Grundstein für meine spätere Kopfballstärke als Linksaußen. Irgendwann kaufte mir Vater ein paar richtige Fußballschuhe. Er war etwas stolz auf mich, hatte er doch in seinem Verein in Neustadt/Coburg vor dem Krieg selber erfolgreich gespielt. Diese Fußballschuhe sollten die einzigen sein, die ich jemals hatte. Als ich später mit 15 Jahren im Verein Düsseldorf-Lörick spielte, waren sie zu klein geworden. Wir hatten aber kein Geld für ein paar neue. Das wird aber nicht der Grund gewesen sein, weswegen die Löricker den Verein eliminierten. Einen Fußballschuh bekam ich in den Rücken. Ihn hat der spätere Architekt, der das Hotel am Kurpark baute, geworfen. Später wurde er Sponsor des Vereins, der deswegen Geld hatte und mehrere Male nacheinander aufstieg. Als der Architekt pleite war, ging es in die Gegenrichtung.

 

Neben dem Nachbardorf Illesheim errichtete das US-Militär einen Flughafen, den es heute noch gibt. Es wurden Wachleute gesucht und Vater bewarb sich. Als er vom Altwarenhändler Roth ein Zeugnis erbat, entließ der Vater sofort. Sein Sohn Adolf war später u.a. Präsident des 1.FC Nürnberg und dafür bekannt,  Trainer schnell zu entlassen. Er hatte mehrere Teppichläden. Wir haben keinen bei ihm gekauft.

 

Der Amerikaner in Illesheim war ein Jude. Er fragte Vater, warum er nicht in Windsheim arbeiten würde und Vater erzählte ihm von der Gefangenschaft und den Absagen deswegen. „Das sieht den deutschen Schweinen ähnlich“, meinte der Mann und stellte Vater ein.

 

Im Ochsenhof wohnte auch Peter. Etwas jünger als ich. Er wurde mein Freund. Manchmal lagen wir auf dem Flur vor einem großen Weltatlas. Einer nannte einen Ort auf der Karte und der andere musste ihn suchen. Seitdem weiß ich, wo Santa Fe liegt. Manchmal kam sein Cousin zu uns. Man nannte ihn Schnez oder Schnezla. Seinen richtiger Vorname war Dieter. Er war ein sehr guter Rechtsaußen. Ich war der fliegende Linksaußen, angeblich weil ich immer hingeflogen bin. Peter und Schnez sind beide früh verstorben. Peter, der im Hotel am Torturm in Rothenburg o.d.Tauber eine Lehre begonnen hatte, wurde keine zwanzig Jahre alt. Er starb an Krebs.

 

 

Ochsenhof

                      

 

Gegenüber des Ochsenhofs war das Gasthaus zum goldenen Anker.

Dort ging ich werktäglich zum Mittagessen, weil die Eltern auf der Arbeit waren. Vater bei den Amis, Mutter bei einem Spielwarenhersteller in Fürth. Ich glaube, öfter das Tischtuch befleckt zu haben. Aber essen mit Messer und Gabel habe ich dort gelernt. Die Wirtsleute Weidlich hatten einen Sohn und einen Hund, der aussah, als sei er von einem Hochhaus mit der Schnauze voran auf die Straße gefallen. Weil ich mich mit dem Sohn anlegte, hat der den Köter auf mich gehetzt. Ich machte den Fehler, davon zu laufen, habe aber das Tor des Ochsenhofs nicht erreicht und der Hund biss mich in den Unterschenkel. Wundert sich da jemand, warum ich Boxerhunde nicht mag? Bei Weidlich wurden auch Pferde geschlachtet. Ich vergesse nie, wie das Pferd umfiel, nachdem man ihm den Bolzenschussapparat an die Stirn gedrückt hatte.

 

Im Jahre 1954 spielte Deutschland in der Schweiz um die Weltmeisterschaft. Weidlichs hatten einen der ersten Fernseher in der Stadt. Er stand in der Gaststube. Auf dem Dach eine Riesenantenne. Ich durfte das Endspiel sehen, war ja Stammgast.

 

Viel später, als ich längst weg war und im Anker ein neuer Pächter ausschenkte, war Schnez dort Stammgast. Ihm gefiel die Frau des Wirts und er drohte diesem Prügel an. Er würde draußen auf ihn warten. Als der Wirt abschloss, nahm er ein Messer mit. Damit hatte Schnez offenbar nicht gerechnet. Er wurde abgestochen und verblutete in der Seegasse.

 

Im Ochsenhof wohnte auch eine Frau, über die die anderen Bewohner schlecht sprachen. Als sie mir einmal sagte, ich solle nicht so laut sein, antwortete ich, sie könne mich mal. Das hat Vater garnicht gemocht. Er hob mich mit einer Hand hoch und watschte mich mit der anderen ab.

 

Fünfzig Meter neben dem Anker wohnte mein Schulkamerad Heini mit seiner Mutter. Er war ein sehr guter Torwart und spielte später lange in der ersten Mannschaft. Seine Mutter handelte mit Schweinen. Eines Tages, als ich zu Heini ging, bekam ich mit, wie ein Schwein geschlachtet wurde. Die Mutter schlug dem Tier solange mit der Rückseite eines Beils auf den Schädel, bis die Sau tot war. Das durchdringende Geschrei des Tiers hörte man sicher in der ganzen Seegasse. Ich fand das nicht so gut.

 

Seegasse

 

In unserer Klasse war auch der größte Fußball-Jungstar der Stadt. Er hieß Gerhard. Als wir einmal Abenteuerspiele auf dem Hof bei Heini machten, hatte ich ein Messer und tat so, als wolle ich Gerhard damit angreifen. Am Ende hatte ich das Messer direkt neben der Pulsader im Arm, die Narbe kann ich heute noch zeigen. Zum Doktor S., Vater des Mitschülers Ekkehard, waren es keine hundert Meter. Das hat mir wohl das Leben gerettet. Gerhard wurde ein großer Fußballstar und bald von anderen Vereinen begehrt. Dummerweise hat er sich unter Wert von einem Amateurverein einkaufen lassen, der ihm einen Job bot. Wäre ich sein Manager gewesen, hätte er beim 1.FC Nürnberg gespielt. Genau wie Ekkehard, Schnez und Heini.

 

Mit Ekkehard begab ich mich meist auf den Schulweg. Ich habe darüber geschrieben:

 

                                               Ingrid-und-Ekkehard

 

In der 5. Klasse, als ich 11 Jahre alt war, hatten wir einen Religionslehrer. Für uns war er eine Witzfigur, wir lästerten über ihn. Einmal verließ er kurz den Raum, musste vermutlich seine Prostata ausquetschen. Er bestimmte einen Mitschüler, Aufsicht zu halten und Störenfriede aufzuschreiben. Der Mitschüler setzte sich vorne auf den Lehrerstuhl und ich begann, Faxen zu machen. Daumen in die Ohren und mit den Fingern wackeln. Folgerichtig landete mein Name auf dem Zettel, obwohl ich garnix gesagt hatte. Fertig mit seiner Entwässerung, befahl mich Herr Strauch nach vorne und zückte einen Rohrstock. Ich sollte „Pflätschli“ kriegen, also Stockhiebe auf die Finger. Damit war ich nicht einverstanden, nahm meinen Ranzen, verließ das Klassenzimmer und ging nachhause. Meine Mutter musste deswegen bei meinem Klassenlehrer erscheinen. Ich bekam eine Strafarbeit. Hundert mal den gleichen Satz schreiben: „Ich darf nicht ….“. Die Strafarbeit habe ich mit Wut im Bauch geschrieben, meiner Eltern wegen. Heute würde ich das bei meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn nicht mehr tun. Der Religionslehrer Strauch ist übrigens von einem Mitschüler verprügelt worden. In der 6. Klasse. Diesen Mut hatte ich ein Jahr vorher nicht, war auch körperlich etwas schmächtig.

 

Als 1955 die Bundeswehr aufgestellt wurde, kündigte mein Vater vorsorglich bei den Amerikanern. Die Deutschen sollten entlassen werden, weil es keine zwei Militärs in Deutschland geben sollte. Er bewarb sich bei der Bundeswehr und hätte als Stabsfeldwebel eingestellt werden müssen, weil Kriegsjahre und Gefangenschaft als Dienstzeit gezählt hätten. Franz-Josef-Strauß hat dann aber bestimmt, dass Unterführer der früheren Wehrmacht nicht übernommen würden. Sie waren ihm zu teuer. Die Bundeswehr hatte dann jahrelang einen Unterführer-Mangel. So musste sich Vater wieder eine neue Arbeit suchen. Er bekam sie bei einem Baustoffhändler. Mutter half im dortigen Haushalt und wir bezogen eine Wohnung mit Garten in einem Haus am Rande der Altstadt, das dem Baustoffhändler gehörte.

 

Gegenüber dem Haus lag eine Wiese mit Fußballtor, die im Besitz des naheliegenden Alumneums war. Dort spielte ich Fußball mit Söhnen der amerikanischen Wehrmacht, die im Nebenhaus wohnten. Es galt aufzupassen, weil die Jungs überhaupt keine Technik hatten und man ständig darauf achten musste, dass sie einen nicht ungewollt gegen das Schienbein traten. Oft kam auch Manfred dazu, der in der Westsiedlung wohnte und ein hervorragender Tischtennisspieler war. Wenn wir beide zusammen etwas ausheckten, ging es meist zur Sache. Eines Tages standen wir auf einer kleinen Anhöhe neben der Turnhalle und schauten von oben durch die Fenster auf die Turner. Mir war aufgefallen, dass sie den Schlüssel stecken ließen, als sie die Halle betraten. Ich konnte dem Reiz nicht widerstehen, rutschte nach unten und sperrte die Halle ab. Den Schlüssel steckte ich nach außen. Nun mussten wir nur noch warten, bis jemand die Halle verlassen würde. Es war sehr erbauend, von oben zuzusehen. Dann mussten wir aber das Weite suchen, um nicht entdeckt zu werden. Der Hausmeister soll die Turner dann befreit haben. Heute frage ich mich manchmal, warum ich nicht so cool war, den Schlüssel zu verstecken.

 

Als ich wieder einmal in den Ferien aus Düsseldorf kam, wollten wir unbedingt herausfinden, wer mehr Alkohol vertragen könne. Mit einem Nachbarsjungen zogen wird in das Gartenhaus von Manfreds Familie und tranken eine Flasche Bier nach der anderen. Der Nachbarsjunge gab zuerst auf. Ich hielt noch drei Flaschen aus. Manfred wurde von uns gekürter Obersäufer. Er triumphierte flaschenschlenkenderweise. Ich habe so etwas nie wieder gemacht. Drei Tage habe ich mir anschließend die Seele aus dem Leib gespien. Übernachtete damals in der ehemaligen Wohnung meiner Großmutter, direkt neben der Spitalkirche, wo ich geboren wurde und wo mein Onkel, der Polizei-Hauptmeister, noch ein Bett hatte, das aber meistens unbelegt war. Das denkmalgeschützte Haus ist im Übrigen irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in sich zusammengebrochen, sehr zur Erleichterung der Stadt, die kein Geld mehr für die Renovierung ausgeben musste. Böse Zungen sagen, es sei nachgeholfen worden. Die Lücke hat die Bäckerei Wimmer geschlossen. So kommt es, dass ich quasi in der Höhe meines Kinderbettes stehe, wenn ich das leckere Doppelback kaufe. 

 

Manfreds Mutter fragte mich ein paar Tage nach unserer Männerprobe, was wir denn um Himmels willen gemacht hätten, der ganze Fußboden in der Hütte sei nass gewesen. Bin mir aber sicher, als wir gingen, war er noch trocken. Die Schlussfolgerung überlasse ich mit einem Grinsen im Gesicht meinen geneigten Lesern. Später hat Manfred geboxt und wurde bayerischer Meister, was ihm die erweiterte Aufmerksamkeit gewisser Damenwelten einbrachte.

 

Im Verein war ich immer noch Linksaußen der zweiten Schülermannschaft. Wenn wir mit einem Kleinbus zu Auswärtsspielen fuhren und der Trainer nicht dabei war, sangen wir freche Lieder. Erinnere mich noch an das Spiel gegen Burgbernheim. Mit folgendem Gesang im Bus:

 

Mädchen bist Du einmal schwanger, schiebe nicht die Schuld auf mich.

Denn ich bin ein junger Fußballspieler und es wäre schad um mich“

 

Was beweist, dass wir Jungspunde von 13 Jahren uns schon mit Themen befassten, die in der Schule nicht gelehrt wurden.

Der Platz der Burgbernheimer liegt auf dem Kapellenberg. Wenn der Ball über den Zaun flog, rollte er talwärts. An jenem Tag schoss ich zwei Tore. Heute noch führe ich gerne Besucher hinauf, um ihnen den Blick in den Aischgrund zu zeigen.

 

 

 

 

                   

 

 

In den letzten beiden Schuljahren begann die Vorbereitung zur Konfirmation. Ein Jahr „Präparanten-Unterricht“ und ein Jahr „Konfirmanten-Unterricht“. Wir mussten jeden Sonntag in die Kirche. Es gab eine Anwesenheitskontrolle. Wer nicht regelmäßig erschien, gefährdete die Konfirmation. Ich habe mich dem trotz Unlust gefügt, es wäre eine Schande gewesen, ausgeschlossen zu werden. Der Pfarrer kam auch in die Schule, um uns zu präparieren. Eines Tages warnte er vor einer sogenannten „Mischehe“. Damit meinte er, man solle als Evangelischer keinen katholischen Ehepartner haben. Von da ab habe ich ihn nicht mehr ernst genommen. Mit meinen 13 Jahren hatte ich für diese Absurdität kein Verständnis.

 

In die Zeit fielen auch meine Aufenthalte beim Christlichen Verein junger Männer. Es war meist kein Pfarrer dabei und deswegen sangen wir Lieder, deren Text ich hier leider nicht niederschreiben kann, ohne Streit mit meiner Frau zu bekommen. Wagen Sie es bitte nicht, nachfolgenden Link anzuklicken:

 

https://www.volksliederarchiv.de/negeraufstand-ist-in-kuba/

 

Wäre Pfarrer Ackermann dabei gewesen, wäre keiner von uns konfirmiert worden.

 

Als der Tag der Konfirmation kam, grinste ich während der Einsegnung mit gesenktem Kopf, ich konnte es nicht abstellen. Der Pfarrer hat es wohlweislich übersehen.

 

 

 

Christlicher Verein junger Männer

 

Der Baustoffhändler war sehr mit meinen Eltern zufrieden und hätte sie am liebsten behalten. Aber für meinen Vater war das nur eine Zwischenlösung. Seinerzeit suchte die Post in Düsseldorf in Bayern die Leute, die sie im Rheinland nicht bekommen konnte. Ganze Busse fuhren nach Düsseldorf. Ein Werbeplakat hing in unserer Post. So kam es, dass Vater 1957 nach Düsseldorf ging. Wir sollten nachkommen, wenn ihm eine Dienstwohnung zugewiesen würde.

 

Mich hatte immer interessiert, wie es vor sich geht, wenn man einen Brief in den Kasten wirft, der dann beim Adressaten ankommt. Vater meinte, sein Postamt würde mich gerne einstellen, vor allem als der Amtsvorsteher mein Entlassungszeugnis vom Juli 1958 sah. So bewarb ich mich ebenfalls in Düsseldorf. Die Eignungsprüfung musste ich bei unserem Postamt daheim unter Aufsicht ablegen. Das Aufsatzthema war „Ein Gewitter“. Ich beschrieb, wie ich eines erlebt hatte, als ich zuletzt am Kuhwasen neben dem Turnvereinsheim herumstrolchte. Die Herren der Oberpostdirektion Düsseldorf haben anschließend nachgefragt, wer mir bei der Prüfung geholfen habe.

 

Nach der Schulentlassung war ich ein halbes Jahr ohne Beschäftigung, weil in Bayern das Schuljahr im August endete und in NRW erst im April begann. In der Zwischenzeit musste ich die Kontorberufsschule besuchen, wo ich etliche Mitschülerinnen aus der Volksschule wieder traf. Eine war besonders stinkig auf mich, weil ich schon wieder die besten Arbeiten schrieb. Klassenbeste zu sein, hatte sie sich auf die Fahne geschrieben. Ich wünsche ihr, dass sie das geschafft hat, als ich nach Düsseldorf ging.

 

Anfang April 1959 trat ich meinen Dienst beim Postamt Düsseldorf-Oberkassel an. Als Postjungbote. Der Amtsvorsteher war Postamtmann. Später habe ich mir vorgenommen, ihn eines Tages abzulösen. Hat nicht geklappt. Amtmann wurde ich zwar auch, aber bei der Telekom. Das Postamt verlor die Verwaltung. Irgendwie schade, so konnte ich nicht aufräumen.

 

Düsseldorf war sehr interessant. Einen so breiten Fluss wie den Rhein hatte ich noch nie gesehen. Als ich in die erste Bratwurst biss, habe ich nicht weiter gegessen. Rheinufergemüse mochte ich auch nicht. Aber das Hähnchen, das sich im Schaufenster an der Königsallee im Grill drehte, hat mich fasziniert.

Ebenfalls im April 1959 sah ich mit meinem Vater das erste Spiel von Fortuna Düsseldorf. Mit Derwall, Juskowiak und Schnellinger. Seitdem bin ich Fortuna-Anhänger. Das Wort „Fan“ mag ich nicht, kommt von Fanatismus.

 

Vater und ich wohnten noch einige Monate in einem möblierten Zimmer an der Schnittstelle Oberkassel/Lörick/Heerdt. Die versprochene Postwohnung bekamen wir reichlich spät, aber wir bekamen sie. In einem Neubau in Neuss. Dort hatte ich mein eigenes Zimmer, das ich erst 1970 verließ, als ich Marianne heiratete und mein kleiner Bruder Werner (Jahrgang 1969) das Zimmer brauchte. Wenn wir später in Franken waren, hielten die Leute meinen Vater für meinen älteren Bruder und Werner für meinen Sohn. Kein Wunder, bei 25 Jahren Altersunterschied. Übrigens: Vater hat es noch vom Postfacharbeiter zum Posthauptsekretär gebracht. Ich glaube, er hat seine Intelligenz an seine Söhne vererbt.

 

Mit der Lehre bei der Post endete faktisch meine Kindheit und damit auch diese Geschichte. Ob ich sie fortführe, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich nicht. So aufregend wie meine Kindheit war mein späteres Leben nicht.

 

Heinz Elflein

14.01.2019

 
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