Schiff Winterhausen

 

 

 

 

 

 

Wir hatten das Panorama-Zimmer vorbestellt. Ich kann jedem potenziellen Gast nur raten, dieses Zimmer zu buchen. Es sei denn, er legt keinen Wert auf den Mainblick. Solche Hotels gibt es nicht allzuviele. Zwischen Hotel und Main ist nur eine Anliegerstraße. Autos kommen kaum vorbei, höchstens Radfahrer. Es gibt keinen Durchgangsverkehr.

 

 

 

Niemand wird behaupten, das Hotel Schiff sei ein modernes Hotel, er wäre ein Lügenbold. Das Gegenteil ist der Fall und daraus zieht das Haus seinen Reiz. Man kann sicher darüber streiten, ob all die alten Bügeleisen, Schreibmaschinen, Kaffemühlen etcetera als Dekoration die Attraktivität von Restaurant und Hotel steigern. Aber es ist halt so in diesem Haus und niemand wird gezwungen hier zu essen und zu übernachten. Ich denke, solange die gute Küche, die Lage direkt am Main und die Zimmer insgesamt Beschaulichkeit und Wohlgefühl vermitteln, lässt sich gut hier einkehren. Obwohl - und das ist meine ganz persönliche Meinung - ich würde Kitsch und Krempel etwas lichten. Nostalgie und Modernität lässt sich sehr wohl unter einem Dach vereinbaren. Ein Innenarchitekt mit Sinn für Tradition könnte sicher etwas Ausgewogenheit herstellen. Der Begriff "alt fränkisch" sollte wirklich nicht zu wörtlich genommen werden.

 

 

 

 

Wir saßen durchaus gerne in der gemütlichen Stube, die Anzahl der überflüssigen Bügeleisen störte keineswegs, tranken einen Bocksbeutel und wählten von der Speisekarte.

 

Mir fiel auf, dass Vor-und Nachspeisen auf der Karte sehr unterrepräsentiert waren. Wenn man sich einen Reim darauf machen möchte, vermute ich, es liegt daran, dass die Gäste des Gasthofs wohl gerne schnell zur Sache kommen und die heißt: satt werden.

 

Warme Küche gibt es bis 20:30. Die Rechnung kam unaufgefordert um 20:50. Wir haben das Signal verstanden und gingen auf unser Zimmer. Wo sich um 22:00 großer Bierdurst bei mir einstellte. In dem riesigen, betagten Bosch-Kühlschrank stand nur unser mitgebrachtes Mineralwasser. Das ist eine mittlere Katastrophe für jemand, der im bierigen Teil von Franken geboren wurde. Gaststube zu, kein Bier irgendwo. Was macht man da? Ich ging nach unten. Die Gaststube war nicht zu. Es saß noch ein Pärchen da. Und ich bekam noch meinen Humpen.

 

 

 

 

Donnerstag, 26. Juni 2014.

 

 

Auf der Karte stehen natürlich fränkische Bratwürste und blaue Zipfel. Ich nehme das nun als Anlass zum großen Vergleichstest. Sven Roder, Winterhausen, gegen Ingolf A. Wiessler, Kreuzwertheim. Favorit ist Ingolf A. Wiessler. Weil ich 1999 gemeint habe, keiner kann es besser. Wegen dem Sud.

 

Es herrscht eine wunderbare, sommerlich-fränkische Atmosphäre auf der Terrasse vom Schiff in Winterhausen. Touristenschiffe fahren auf dem Main, Radfahrer kommen vorbei, ein fauler Hund lässt sich im Anhänger ziehen. Dann kommen unsere Teller. Gebratene Bratwürste für Marianne, blaue Zipfel für mich und ich bin voll konzentriert auf den Test. Das geht gar nicht verkniffen, wir freuen uns, lachen und sind sehr gespannt auf das Testergebnis.

 

Der Sud schmeckt hervorragend. Die Wacholderbeeren geben ihm Kraft und eine winzige, leicht süßliche Note, die aber gut in den anderen Komponenten eingebunden ist. Er ist gleichwertig mit Wiesslers Sud. Die Bratwürste sind besser, als die in Kreuzwertheim. Es sind die Nürnberger, mit Majoran. Somit die evangelischen. Und das in Unterfranken. Sven Roder hat den Test gewonnen, Ingolf A. Wiessler hat ihn verloren, weil er die katholischen Bratwürste aus Kreuzwertheim, ebenfalls Unterfranken nutzt.

 

Jetzt wird es aber Zeit, aufzuklären. Die Bezeichnung nach Glaubensrichtungen ist landesweit nicht üblich, sie ist ein vergessenes Gut. Alle Franken, die ich darauf angesprochen habe, um mir einen Spaß zu machen, haben irritiert geschaut. Ich weiß es auch erst seit einigen Monaten. BR3 brachte einen TV-Beitrag aus Gnodstadt (bei Marktbreit, Unterfranken, sehr nahe an Mittelfranken) aus einer Brauerei mit Wirtshaus. Am Stammtisch wurde über die fränkische Bratwurst diskutiert. Einer der älteren Herrn kam dann mit der Sprache heraus. Die Wurst aus Mittelfranken beinhalte Majoran, sie sei die evangelische, die unterfränkische sei die katholische, man macht sie ohne Majoran.

 

Sagte ich Ihnen schon, dass ich ein Mittelfranke bin?

Kein Anlass, überheblich zu werden. Unterfranken hat den besseren Wein.

 

Marianne bekam Senf zu den gebratenen evangelischen Bratwürsten mit Majoran. Ich habe mich jedes Kommentars enthalten. Wir waren ja wo?...... Meinen internen Test hat Marianne bestanden. Sie hat den Senf liegen lassen.

 

Übrigens, die Herrn Roder und Wiessler wissen (noch) nichts von dem Test. Diesen möchte ich eigentlich irgendwann wiederholen. Mit gleichem Grundmaterial evangelischer Herkunft. Damit Herr Wiessler, der arme Kerl, nicht von vornherein hoffnungslos unterlegen ist.

 

Jetzt aber (fast) genug mit den Verunglimpfungen eines ganzen Regierungsbezirks. Soll nicht pathologisch werden.

 

Als Frau Roder aufräumte, fragte sie mich, ob ich den restlichen Sud im Topf nicht mit Brot austunken wolle. Die Idee hatte ich zwar, habe es aber trotzdem nicht getan. Im Nachhinein bedauere ich es, aber jeder Mensch macht manchmal unverzeihliche Fehler.

 

Zum Abendessen waren wir die einzigen Gäste im Schiff. Wegen des Fußballspiels Deutschland gegen USA. Ich dachte (zurecht) die Tore fallen sowieso erst in der zweiten Hälfte. Also konnten wir das Angebot von Frau Roder annehmen, um 18:00 zu dinieren. Als wir um 19:00 die Gaststube verließen, wurde diese zugesperrt. Keine anderen Gäste mehr und kein Humpen für mich.

 

Weil ich aber alkoholabhängig bin, sind wir nach Ende des Spiels noch nach Ochsenfurt gefahren. Wenn ich hätte voraussehen können, dass Deutschland ein paar Tage später Weltmeister wird, hätte ich sicher einen Humpen mehr getrunken.

 

 

 

 

Ich habe angefangen, mich auf die blauen Zipfel im Schiff zu freuen, als bereits im Winter 2014 klar war, dass wir wieder an den Main fahren würden. Das hat sich dann langsam gesteigert, bis wir endlich am 05.07.15 in Sommerhausen eingetroffen sind. Sicher hätten wir auch wieder, wie 2014, das Zimmer im Schiff mit Mainblick buchen können. Es ist auch nicht wahr, wenn manche glauben, ich hätte dies nicht getan, weil wir 2014 während eines WM-Spieles der deutschen Mannschaft kein Bier bekommen haben. Dies trage ich zwar Herrn Roder auf Lebenszeit nach, ist aber kein Grund, auf seine hervorragende Küche zu verzichten.

 

Aber wohnen wollten wir trotzdem mal woanders.

 

Einige Wochen vor Beginn der Reise ist im Michael-Müller-Verlag der neue Reiseführer über Mainfranken erschienen. Daraus konnte ich einige interessante Hinweise auf Lokale entnehmen, die bisher auf die Gunst unserer Anwesenheit verzichten mussten. So hatte ich mir schon eine Liste zurecht gelegt, wohin wir wann essen gehen wollten. Was soll ich sagen, es kam dann doch alles anders.

 

So saßen wir am 06.07. spätnachmittags wieder auf unserem gewohnten Platz auf der Empore des Schiff, schauten auf den vorbeikommenden Fahrradverkehr und auf die Badebucht, wo sich allerhand tummelte. Gelegentlich kam auch ein Vater mit dem Pkw vorbei, um seine Lieben einzusammeln. Ein vergnügliches Stilleben.

 

Wir verzehrten:

 

Entenleberparfait

Lammleber mit Pfifferlingen

Tafelspitz gelbe Nudeln

und natürlich Blaue Zipfel

 

Ich ließ nicht unerwähnt, dass im Schiff meines Erachtens die besten blauen Zipfel gemacht werden, die ich je gegessen hatte. Bedient wurden wir von der Chefin des Hauses im Dirndl und einem jungen Mann im fränkischen, rot-weißen Trachtenhemd, der von seiner Chefin als Kollege bezeichnet wurde.

 

 

Blick von Winterhausen nach Sommerhausen

 

Zusatz vom 14. September 2016:

 

Wir waren mal wieder da, um auf der Terrasse zu sitzen und – was mich betrifft – die köstlichen blauen Zipfel zu essen. Dabei musste ich leider eine Enttäuschung erleben. Das Grundmaterial hat sich geändert. Wie ich finde, zum Nachteil. Es sind nicht mehr die „Nürnberger“ mit Majoran, sondern die ganz banalen, wie man sie halt in Unterfranken leider macht. Zwar durchaus schmackhaft, aber eben nicht so, wie ich sie haben möchte.

 

Der Chefin habe ich die angeschnittene Wurst gezeigt. Kein grüner Punkt darin, nur weißes Fleisch, als wären es Weißwürste. Ob es ihr peinlich war, kann ich nicht beurteilen, aber es schien sie peripher nicht tangiert zu haben.

 

Kann sein, dass ich jetzt nicht mehr so oft zum Schiff gehe, wenn ich am Main bin.

 

 

 

 

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