Kösslers Brief

 
Ich bin eigentlich Ingenieur von Beruf, habe Chemie und Physik studiert, und bin deshalb am Boden und an der Herstellung von Wein sehr interessiert.
 
Ich habe niemals einen konkreten Winzer im Kopf gehabt, als ich den Artikel schrieb. Ich habe mir, wie ich das in allen Weinbauregionen mache, in denen ich unterwegs bin, die Weinberge angesehen. Ich bin zunächst gewandert und als ich dabei schockiert feststellte, wie dieses Jahr Glyphosat gespritzt wird, da bin ich losgezogen und habe den ganzen Nachmittag am gesamten Main nur noch photographiert. Wie gesagt, ich habe keinen Winzer im Kopf, dem ich »schaden« will; kann ich ja auch technisch nicht, weil ich die Parzellen der einzelnen Winzer gar nicht kenne. Ein paar Winzer beschriften ihre Parzellen, viele aber nicht. Ich kann also gar nicht wissen, welche Parzelle zu welchem Winzer gehört. Will ich auch gar nicht, denn mir geht es hier um die Sache an sich. Ich möchte diese Seite des Weines, den Anbau, der bislang niemand in unserer Branche interessant, in den Fokus rücken. Wein muß meiner Meinung nach auch im Weinberg sauber entstehen, nicht nur im Keller. Es gibt viele Zwischentöne zwischen dem Bioanbau und dem konventionellen Anbau. Auch ich habe nicht nur Biobetriebe im Sortiment, wenngleich alle Neuaufnahmen Bio sein müssen. Man kann im konventionellen Weinbau so gut wie im biologischen arbeiten. Keine Frage. Das sind aber Könner, Handwerker, die ihr Handwerk verstehen und dann frage ich mich, warum sie sich nicht gleich seriös zertifizieren lassen. Sie wollen sich eben doch für den Fall des Falles das Hintertürchen offen lassen, das der Biowinzer nicht hat. Alles menschlich verständlich, nicht verwerflich, ganz normal. Doch was ich auf meiner Wanderung leider feststellen mußte, war, daß offensichtlich der Chemiekrieg im Weinberg wieder rasant zunimmt, seit Glyphosat so billig geworden ist, wie es derzeit ist. Das wollte ich dokumentieren.
 
Daß ich dabei den Fehler gemacht habe, den konventionellen Weinbau in einer Überschrift zu generalisieren, mag man mir nachsehen. Ich wollte keinen seriös arbeitenden, konventionell wirtschaftenden Handwerks-Winzer in die Pfanne hauen. Würde man meinen Text aufmerksam lesen, würde man sehen, daß es dort keine Anklage gehen Personen gibt und daß ich den Winzern , die ohne Glyphosat arbeiten, ein Loblied singe. Ich wollte den ganz offenkundig übermäßigen Glyphosateinsatz dokumentieren und anprangern, der übrigens srhr wohl nach Jahren des Einsatzes zu einer geschmacklichen Veränderung der Weine führt, was man daran erkennt, daß Weine, die aus derart konventionellem Anbau radikal auf biolossichen Anbau umgestellt werden, ein paar Jahre brauchen, bis sie wieder in Balance kommen und wieder schmecken. Sie tun es dann mit einem anderen, dichteren Mundgefühl und einem pH-Wert, der geringfügig niedriger ausfällt als vorher. Es gibt biochemische Veränderungen in der Pflanze, weil Glyphosat die Mykorhizza-Kulturen schädigt, die den Transportmechanismus für eine wichtige Spurenelemente liefern.
 
Steillage hin, Steillage her. Die Lagen in Escherndorf, nur eine von vielen, die ich an dem Tag photographiert habe, sind extrem steil. Stimmt. Schweinearbeit. Eine phantastische Lage, die gegen den Trockenstress auch noch bewässert werden darf, was in Zeiten des Klimawandels unabdingbar werden wird. Bewässerung zur Vermeidung von Trockenstress, also für Qualität, nicht, wie früher, für Quantität. Das schreit nach Begrünung wegen der Erosion. Die guten Winzer bekommen gutes Geld für den Wein aus dieser Lage. Ich kann und will die Argumentation nicht verstehen, daß der Kunde den Mehrpreis nicht bezahlen will, den man für seriösen Steillagenweinbau braucht. Dafür sollten wir kämpfen, auch und gerade im Handel. Das wäre unsere Aufgabe! Das tue ich allerdings nur dann gerne, wenn ich dafür auch einen Mehrwert bekomme, der die Steillage anders schmecken läßt als den Rübenacker. Schafft sie das nicht, ist der Anbau wertlos und der Wein muß so billig sein, wie der vom Rübenacker. Dann nehme ich Glyphosat und betreibe den Weinbau, den man dort heute sieht. Wenn Weinbau in der Steillage aber anders betrieben würde, würde auch der Wein anders schmecken - siehe z. B. die Mosel (Heymann-Löwenstein, Clemens Busch etc. etc.). Der Winzer wird dann über kurz oder lang mehr Geld generieren können, er wird sich abheben, wird unter den Kennern der Szene gehandelt werden.
 
Ich bin übrigens fest davon überzeugt, daß wir in ein paar Jahren, wenn wir alles richtig machen, einen Tourismus bekommen, der sich bestimmten Lagen widmen wird, vorausgesetzt, die Weine dieser Lagen schmecken wie ihre Lagen sind. Bleiben die Weine von solchen Lagen so belanglos, wie sie es leider heute oft sind, wird es dazu nicht kommen. Doch die Mosel ist aufgewacht, die Nahe wird kommen, der Rheingau wacht auf, die Württemberger machen es uns derzeit vor mit einem Qualitätswandel, der erstaunlich ist. Ich sehe das kommen und fände es sehr schade, wenn unser Franken diesen Trend verschlafen. Qualität wird gesucht werden und sie wird morgen anders definiert werden, als wir das heute glauben. Da bin ich mir absolut sicher. Genau darum geht es mir.
 
So, Herr Elflein, doch ein bißchen mehr geworden, aber das können Sie jetzt so gerne verwenden. Ich denke, damit habe ich klar gemacht, worum es geht.
 
Herzliche Grüße
Martin Kössler
 
2016

 

 

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